„Bin mal anne Bude“ – Was wäre das Ruhrgebiet ohne seine Trinkhallen?

„Bin mal anne Bude“ – Was wäre das Ruhrgebiet ohne seine Trinkhallen?

Foto: Süßigkeiten © Cpro, fotolia.com

Trinkhalle, Seltersbude, Kiosk, Büdchen … Unzählige Namen haben die ebenso unzähligen kleinen Pavillons, die im Ruhrgebiet seit gut 150 Jahren an jeder Ecke zu finden sind. Einmal klingeln, und das kleine Schiebefenster an der Durchreiche öffnet das Buden-Wunderland mit seinem Riesensortiment auf kleinstem Raum. Gut sichtbar sind die Auslagen aktueller Zeitungen und Zeitschriften, die Tafel mit den Eissorten und Behälter mit Klümpkes und sonstigen Süßigkeiten.

Was ließ die Buden zu einem Stück regionaler Identität werden? Ihre Blütezeit war auch die der Stahlindustrie und Zechen. Vatter holte sich hier auf dem Weg zur Arbeit seine Kippen und gab den Lottoschein ab. Nache Maloche gab es ein Mettbrötchen, eine Frikadelle oder einen Rollmops. Und er konnte mit der halben Nachbarschaft bei Klatsch und Tratsch ein Pilsken trinken. Fußballspiele wurden genauso lebhaft diskutiert wie die Weltpolitik. Die meisten Budenbesitzer waren echte Originale und immer bestens informiert, ob nun die Katze von Oma Kowalski verschwunden war oder umme Ecke eine Wohnung frei werden würde.

Die Hausfrau holte hier bis spät in die Nacht und am Wochenende Lebensmittel, die sie beim Einkaufen vergessen hatte, und notfalls konnte man auch mal anschreiben lassen. Die Kinder bekamen strahlende Augen in Anbetracht der vielen bunten Süßigkeiten, die man hier nicht tütenweise kaufen musste, sondern stückweise bekommen konnte.

Der Niedergang von Zechen und Schwerindustrie hat vielen Buden den Garaus gemacht. 1992 kam die Liberalisierung des Ladenschlussgesetzes hinzu. Und seit einigen Jahren haben viele Tankstellen ein ähnliches Angebot im 24-Stunden-Service. Trotzdem behaupten die rund 15.000 verbliebenen Buden im Ruhrgebiet nach wie vor ihre Stellung. Gerade die Stammkundschaft möchte nur ungern auf „ihre Bude“ verzichten.

Am 20. August 2016 gab es aus diesem Anlass den ersten „Tag der Trinkhallen“ unter dem Motto „Kumpels, Klümpchen & Kultur“. Fünfzig Buden boten außerdem ein spezielles Kulturprogramm mit Musik und Kleinkunst, bunt gemischt wie eine Tüte Bömskes. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis so etwas wieder stattfindet.

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