Immer wat zu schnuckern: Die Büdchentradition im Ruhrgebiet

Immer wat zu schnuckern: Die Büdchentradition im Ruhrgebiet

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Hasten Büdchen umme Ecke, haste immer wat zu schnuckern. Die im Ruhrgebiet allgegenwärtigen Büdchen sind die Nachfahren der Seltersbuden – kleinen Pavillons auf dem Zechen- oder Fabrikgelände, an denen ursprünglich Selterswasser an die durstigen Bergleute und Fabrikarbeiter ausgeschenkt wurde. Leitungswasser war oft mit Keimen belastet, und mit Selterswasser versuchte man, dem verbreiteten Alkoholkonsum entgegenzuwirken. Die Buden breiteten sich ausgehend von Bahnhof und Einkaufsstraßen aus, bis sie an fast jeder Ecke zu finden waren. Außer Wasser gab es bald auch andere Getränke, Zigaretten, Zeitschriften und Lebensmittel. Praktischerweise ist eine Bude noch heute für die meisten nicht nur in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen, sondern hat auch bis spät in die Nacht geöffnet. Vor allem zu den Zeiten, als abends um halb sieben noch alle Geschäfte die Pforten schlossen, war das ein wahrer Segen.

„Geh ma ähmt anne Bude“, wenn Vatter Bier und Zigaretten brauchte oder Muttern beim Einkaufen die Milch vergessen hatte, wurde von vielen Kindern nur allzu gerne befolgt. Denn anne Bude lockten gut sichtbar Behälter mit Klümpkes und allen möglichen Süßigkeiten in allen Farben, Formen und Geschmacksrichtungen. Alles konnte einzeln gekauft werden, das Stück zu soundso viel Pfennigen, und wurde fein säuberlich mit einer Zange in eine braune Spitztüte aus Papier abgezählt. Schleckmuscheln, Lakritzschnecken, Zuckerstangen, Bonbons und Brausepulver, das so schön auf der Zunge prickelte, in bunten Papiertüten oder Plastikröhrchen. Im Sommer kündete ein Aufsteller von den verfügbaren Eissorten. Für derlei Köstlichkeiten konnte schon mal das Taschengeld oder der Eisgroschen vonne Omma draufgehen.

Wurden die Kinder größer, legte sich das Interesse an Sammelbildern mit Fußballspielern und galt eher dem Anschauungsmaterial der neuen Aufklärungszeitschriften. Die wurde zur Tarnung in Vatters Zeitung mit den vier Großbuchstaben gewickelt und mit einem verständigen Augenzwinkern über den Ladentisch geschoben. Und man konnte schon mal riskieren, dort die ersten Zigaretten zu kaufen. „Is fürn Vatter“ hieß es leicht verschämt, bevor der Jugendschutz den gesunden Menschenverstand des Büdchenbesitzers ersetzte.

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